Liebe Partner, Freunde und Unterstützer:
Es ist an der Zeit, eine Pause von unserem intensiven Tempo einzulegen, das unseren Alltag bestimmt, und auf die Ereignisse, die seit Beginn des neuen Schuljahres stattgefunden haben, zurückzublicken. Übereinstimmend mit meinem traditionellen jüdischen Kalender ist es auch der Beginn des neuen Jahres. Was wird das neue Jahr uns bringen?
Kinder und Mitarbeiter
Das vierte Jahr des arabisch-jüdischen Kindergartens Ein Bustan hat begonnen.
Das ist keine Selbstverständlichkeit. Zur Zeit sind 27 Kinder im Kindergarten in jeweils zwei Altersgruppen. In der Gruppe der jüngeren befinden sich 12 Kinder zwischen 2 und 4 Jahren. Unsere Mitarbeiter für die Kleinen sind Amna, eine Beduinin aus Ka’abiya, die bereits letztes Jahr hier arbeitete und Gidi, ein jüdischer Lehrer, der in den vorhergegangenen 3 Jahren die älteren Kinder betreute. In der Gruppe der Älteren sind nun 15 Kinder von 4 ½ bis 6 Jahren.
Zu ihren Lehrern gehören Ibtisam aus dem benachbarten Dorf Zbidat, die im zweiten Jahr bei uns ist und Yael, eine Jüdin aus Kiryat Tivon, die dieses Jahr zu uns gekommen ist und sich schnell und vielversprechend eingearbeitet hat. Sultanna, die in jeder Altersgruppe ein Kind hat, arbeitet auch weiterhin für uns. Außerdem haben wir zwei Praktikantinnen, beduinische Mädchen, die ihr freiwilliges Jahr bei uns im Kindergarten machen – und der Beitrag, den sie leisten ist wirklich wunderbar. Diana, die Mutter von Shir aus der Gruppe der Kleinen, ist ebenfalls kurzfristig eingesprungen. Allen möchte ich sagen:“ Ganz, ganz lieben Dank an Euch!“
Was wir lernten und ein neuer Beginn
Das Jahr hat sehr ruhig begonnen: Wir haben unser tägliches und wöchentliches Gleichmaß und entwickeln langsam neue Traditionen, die unseren Jahresrhythmus prägen. Zweifellos fühlen wir uns entspannter als in den letzten Jahren. Die Kinder sind ruhiger und die Umstände geordneter. Mit Sicherheit hatte auch die Mitarbeiterfortbildung im vergangenen Sommer einen positiven und ausgleichenden Einfluss. Das Seminar, an dem das gesamte Team teilnahm, erstreckte sich über 56 Stunden, verteilt auf zwei Wochen. Ola Adeem, eine Mitbegründerin des Kindergartens und Yael Maayan, eine Gruppenbetreuerin, planten und organisierten das Seminar. Darüber hinaus nahmen auch zwei professionelle Berater teil: Die Waldorferzieherin Frau Stephanie Alon, die das Konzept der Waldorfpädagogik insbesondere im Hinblick auf multikulturelle Zusammenhänge erläuterte und Dr. Ora Mor, der Leiter des zweisprachlichen Bildungsprogrammes am jüdisch-arabischen Centrum der Universität Haifa.
Ich war glücklich, dass ich selber auch dabei sein konnte und kann für mich persönlich sagen, es war eine faszinierende und bereichernde Erfahrung.
Die allen Gesichtspunkten übergeordnete Frage des Seminars lautete: Wie kann die Waldorfpädagogik als Brücke zwischen unterschiedlichen Kulturen dienen?
Wir ergründeten genau unsere Ansichten und Unterschiedlichkeiten. Hilfestellung erhielten wir dabei von den Experten aus ihren jeweiligen Fachgebieten, und ich bin mir ganz sicher, dass das Seminar dazu beigetragen hat, dass wir das Schuljahr mit mehr Energie und „Reife“ beginnen konnten. Mittlerweile verläuft der Alltag ruhiger und wir haben Zeit über Verbesserungen nachzudenken, etwa, wie man jedes einzelne Kind besser mit der fremden Sprache vertraut macht, wie wir das Musizieren, Basteln und Geschichtenerzählen besser einbeziehen und den Kindergarten außen wie innen praktischer und ästhetischer gestalten könnten. In organisatorischer Hinsicht haben wir ebenfalls Verbesserungen eingeführt: Das Konzept unserer fortlaufenden Aufgaben ist klarer, auch wenn wir zur Zeit Berge von Verpflichtungen zu bewältigen haben. Die Bezuschussung des Bildungsministeriums hat unser Projekt gewiss unterstützt und stabilisiert, trotzdem werden wir auch im kommenden Jahr auf Spenden angewiesen sein.
Moslemische und jüdische Feiertage und unsere kreative Lösung
Es gibt klare Anzeichen dafür, dass der Herbst naht – oder ist es vielleicht schon Winter? Die Kinder zeigen sich morgens mit Mänteln und Regenschirmen, doch am Ende des Tages ist es wärmer geworden und
sie haben beides wieder abgelegt. Wir haben zusammen Ramadam gefeiert, der mit Eid El Fitr endet, genauso wie auch das jüdische Rosh Hashana und das Laubhüttenfest.
Die Erweiterung unseres Lehrerkollegiums hat uns ermöglicht bezüglich der Unterschiede zwischen dem jüdischen und moslemischen Kalender eine bemerkenswerten Lösung zu finden. Das Problem liegt kurzgesagt darin, dass die Araber ihre Arbeit während der jüdischen Feiertage nicht unterbrechen und die Juden ihrerseits während der muslimischen Feiertage arbeiten. Was war zu tun?
Wann sollten wir im Kindergarten Ferien machen?( wenn wir alle Feiertage berücksichtigen würden, wäre der Kindergarten so gut wie immer geschlossen).
Unsere kreative Lösung gestaltet sich folgendermaßen: Der Kindergarten bleibt immer geöffnet und schließt nur an den Tagen, an denen jüdische und arabische Feiertage zusammenfallen. Die hebräisch sprechenden Lehrer und Kinder nehmen ihre Ferien während der jüdischen Feiertage. In dieser Zeit arbeiten die arabisch sprechenden Lehrer zusammen und es vermischen sich die beiden Altersgruppen im Kindergarten zu einer Gruppe für jedes Alter. Während der muslimischen Feiertage verhält es sich genau umgekehrt: die arabisch sprechenden Lehrer sind in Ferien und die hebräisch sprechenden Lehrer arbeiten zusammen. Das ermöglicht Geschwistern, die sonst unterschiedlichen
Gruppen angehören, miteinander zu spielen. Darüber hinaus genießen auch Kinder, die keine Geschwister in den anderen Gruppen haben, die Abwechslung.
Meine Tochter Hagar zum Beispiel hatte großen Spaß daran den jüngeren Kindern zu helfen und mit ihnen zu spielen. Sie spielte einen ganzen Tag lang mit Hiyulin aus der Gruppe der Kleinen und kam begeistert nach Hause, erfüllt mit Geschichten, wie sie den Kindergärtnern geholfen hätte. Als der Kindergarten wieder seinen ganz normalen Gang nahm, fragte sie, ob sie nicht in die Gruppe der jüngeren Kinder gehen könnte um „den Lehrern zu helfen“.
Nun zu mir
Zwischen Besprechungen mit dem Buchhalter, einem Treffen mit dem Verwaltungsrat von Maayan Babustan, Treffen mit den Lehrern und den pädagogischen Betreuern,
zwischen der musikalischen Begleitung einer Geschichte im Kindergarten, der Organisation der Wochenendzeremonie, dem Einsammeln des Schulgeldes und dem Ausstellen von Quittungen an die Eltern, dem Öffnen der Briefe von der Bank und dem Komponieren eines neuen Feiertagsliedes,
zwischen der Begleitung meiner 5 ½ jährige Tochter in den Kindergarten , derweil sie sich an den neuen arabischen Wörtern erfreut, die sie gerade gelernt hat,
zwischen Gesprächen, Besprechungen und Plänen für die Gründung einer erstmaligen zweisprachigen Waldorfschulklasse,
zwischen Problemen vermittelnd, die zwischen Lehrern und einigen Eltern auftauchen, dem Überwachen von Ausgaben und dem Beantworten unzähliger e-mails ( ich hänge immer hinterher und bitte darum um Verzeihung) und dem Wunsch, sich die Namen aller neuen Eltern einzuprägen...
... versuche ich die Momente von Wertschätzung, Begeisterung und Dankbarkeit nicht zu übersehen:
Hier, vor meinen Augen, geschehen wahre Wunder!
Eine andere Generation, eine, die nicht Trennung, Konflikt und Feindseligkeit erfahren muss, eine neue Generation ist dabei, ihre eigenen Geschichten zu schreiben.
Ich danke euch allen wieder für eure Unterstützung, ohne sie wäre all dies nicht möglich.
In Freundschaft
Euer Amir Shlomian
November 2008