Blüten des Friedens
Amir Shlomian
Im Laufe der letzten Jahre habe ich vor meinem inneren Auge ein Bild erwachsen lassen, das mir in guten wie auch in schlechten Zeiten eine Quelle der Kraft ist. Ich sehe einen Mandelbaum, das erste Zeichen des Frühlings. An diesem Baum sehe ich eine Blüte, nur von einer Seite. Ich vermag die andere Seite nicht zu sehen und auch nicht den ganzen Baum in seiner Blütenpracht, so, wie er in schon ein paar Tagen aussehen wird. Mit dieser ersten Blüte vergleiche ich unseren Kindergarten und unsere Initiative, die Waldorf-Erziehung zu nutzen, um eine Brücke zuschlagen zwischen den verschiedenen Kulturen, die in unserer Region leben. Oft frage ich mich, ob es möglich ist, daß auf der anderen Seite des Baumes, vor meinen Blicken verborgen, weitere Blüten gewachsen sind. Es ist doch möglich, daß die Mandelzeit gekommen ist und daß schon morgen und übermorgen viele neue Blüten erblühen.
Ende Juni dieses Jahres war ich einer von 50 Repräsentanten verschiedener Länder im Mittleren Osten, die sich in Amman, der Hauptstadt Jordaniens, zu einer langen Wochenendkonferenz der United Religions Initiative getroffen haben. Neben Israelis und Palästinensern verschiedener religiöser Überzeugung waren dort auch Libanesen, Jordanier, Ägypter, Iraker, Iraner, Marokkaner, Tunesier, Algerier und eine Frau aus den Vereinigten Arabischen Emiraten.
Der gemeinsame Nenner aller Teilnehmer dieser Konferenz war ihr Engagement in verschiedenen interreligiösen Initiativen. Jeder und jede von ihnen ist auf vielerlei Weise aktiv, um die Gewalt zu mindern, die die Folge ist von falsch verstandenem Glauben. Das Ziel der URI, die in diesem Jahr ihr zehnjähriges Bestehen feiert, ist, die Mitglieder der verschiedenen Organisationen zusammenzubringen, um gemeinsames Handeln zu ermutigen, als ein globales und universelles Netzwerk.
Unter denjenigen, die ich traf, waren Menschen, die mit sunnitischen und schiitischen jungen Menschen arbeiten, Menschen, die zwischen muslimischer und zoroatristischer Weltanschauung zu vermitteln suchen, jüdische und christliche Geistliche, die im Namen ihrer Religion zu Toleranz aufriefen. Ihre Arbeit beinhaltet sowohl Vorträge als auch Gespräche.
Ich saß am Früstückstisch mit der iranischen und der irakischen Delegation. Für mich war dies das erste Mal, daß ich Menschen aus diesen Ländern traf und die Gelegenheit hatte, mit ihnen zu sprechen. Sie waren sehr an meinem Vornamen interessiert, der ein arabischer Name war, bevor er jüdisch wurde und auch an meinem Nachnamen, der eigentlich iranische Wurzel hat. Ich sagte ihnen, wie sehr es mich bewegte, jemanden zu treffen, der die Sprache meines Großvaters, Persisch, sprach und auch jemanden, der aus dem Geburtsort meines Vaters, Bagdad, stammte.
Am Samstag erweiterte sich unser Kreis um noch 50 andere regionale Koordinatoren der URI aus vielen verschiedenen Ländern dieser Erde, die gekommen waren, um das zehnjährige Bestehen der Organisation zu feiern. Hinter mir hörte ich den Ruf nach „Amir“ und als ich mich umdrehte, war ich freudig überrascht, einen anderen Kameraden gleichen Namens zu sehen – von den Philippinen.
Eine außergewöhniche Mischung von Sprachen und Gesichtern, von verschiedenartigen Gewändern aus unterschiedlichen Ländern: Brasilien und Indien, Kenia und Indonesien, und noch viele mehr. Ich hatte die Freude, Musik zu machen mit Bishwadeb Krishnamorti, einem begnadeten Tablaspieler aus Indien und mit den phantastischen Musikern des Mosaique - Ensembles, (http://www.musaique.org), in dem Musiker aus Israel, Jordanien und dem Libanon spielen.
Mitglied zu sein in diesem Netzwerk bedeutet für mich eine Quelle des Trostes und auch des Ansporns und obwohl ich wußte, daß es noch viele weitere Blüten an meinem Baum geben mußte, war es eine große Überraschung, meine Brüder und Schwestern in ihrer Schönheit und Pracht zu sehen.