Der neueste Stand im Juli 2008 (von Amir)
Liebe Freunde, Partner und Unterstützer von Ein Bustan
Nun befinden wir uns im Juli und am Ende des dritten Jahres seit Bestehen des Kindergartens. Dies scheint eine lange Zeit zu sein, aber von meinem Gefühl her ist es, als hätten wir gerade erst begonnen. Lasst uns keinen Moment vergessen, welch große Herausforderung wir auf uns genommen haben : Ein erstklassiges, zweisprachliches Bildungsmodell zu erschaffen auf der Basis von Waldorfpädagogik , in dem enger Bezug zu den beiden Kulturen genommen wird, die uns umgeben- die Arabisch sprechende und die Hebräisch sprechende Kultur. Darüber hinaus wollen wir in Zukunft unsere Aktivitäten ausweiten : Neue Kindergärten und eine Schule gründen, um mehr Einfluss auf die weitere Umgebung nehmen zu können und auf unsere Möglichkeiten aufmerksam zu machen.

Unsere Werte sind Brüderlichkeit, Toleranz und Achtsamkeit. Wir arbeiten auf den Wandel hin und auf die Weiterentwicklung des menschlichen Bewusstseins in unserer Region. Deshalb verweigern wir uns der weithin akzeptierten Wahrnehmung, dass unsere beiden benachbarten Völker in diesem Land Feinde seien und unfähig miteinander zu leben.
Wir sehen die Waldorfpädagogik als heilende Kraft in einer tragischen Situation, in der Kinder des einen Volkes nicht im Stande sind mit den Kindern des anderen Volkes aufzuwachsen und sie keine Gelegenheit haben, sich gegenseitig kennen und schätzen zu lernen. Durch Entfremdung und Ausgrenzung ist eine Situation entstanden, die einen unfähig macht, Empathie für die Sicht des Anderen zu entwickeln. So kommt es zu Misstrauen, Furcht und Aggression, die auch oft zu extremer Gewalttätigkeit eskaliert.
Inmitten dieses grausamen und schwierigen Feldes haben wir einen wunderbaren Samen der Hoffnung, der Ruhe und des Friedens gesät.
Wir haben einen gemeinnützigen Verein gegründet, unzählige Briefe an Regierungsstellen gerichtet, gingen von einem Büro zum nächsten, unterhielten uns mit Eltern und Kindern, schrieben und übersetzten Geschichten und Lieder, erhielten eine Genehmigung vom Bildungsministerium, zelebrierten die Feiertage beider Völker, erzählten Geschichten in zwei Sprachen, versuchten unterschiedliche pädagogische Ansätze und hatten endlose Besprechungen.
Währenddessen hielten wir in all dem an unseren Visionen fest
Und hier haben wir nun die Realität:
Einen multikulturellen und bilingualen Waldorfkindergarten.
Und wenn wir nun zurückblicken auf unsere Aktivitäten- für uns selbst und für die Menschen, die uns unterstützten, wollen wir nicht vergessen, dass wir in unserem ersten Jahr so wenig wie ein neugeborenes Kind über den vor uns liegenden Weg wussten und den Mut, den es braucht, ihn zu begehen.
Während des zweiten Jahres ernteten wir den Lohn für unsere Mühe aber auch die „unreifen Früchte“ des Unwissens, der fehlenden Mittel und des Mangels an Unterstützung seitens der Regierung.
In unserem dritten Jahr haben wir aus unseren Erfahrungen gelernt und versuchen Fehler zu vermeiden. Wir durchlebten überwältigende Höhepunkte und Momente von bitterer Traurigkeit. So beginnen wir das Ausmaß der vor uns liegenden Arbeit zu verstehen, die uns manchmal mit Verzweiflung und Erschöpfung so stark konfrontiert, dass wir bisweilen die Existenz des Projektes bedroht sehen.
Auf der anderen Seite steht die große Befriedigung, die unsere Arbeit begleitet, und wir danken unserem Schicksal für das enorme Privileg an diesem wundervollen Projekt teilzuhaben.
Wenn sich auch dem Auge des Betrachters nur wenig zeigt, werden diejenigen, die ein achtsames Herz haben, an der Bedeutung nicht zweifeln, die diese Initiative in unserem Umfeld und damit auch für die ganze Menschheit hat.
Wenn ein Kind drei Jahre alt wird, spricht es zum erstenmal von sich als einem „Ich“. Zum erstenmal wird es sich seiner selbst als eigenständiges Wesen in der Welt bewusst.
Dies ist vielleicht
auch der richtige Zeitpunkt für eine Selbstprüfung. Wir können uns als kleines Kind vorstellen, welches auf sich zeigt und sagt „Ich“ und können mutiger werden in einer Art „Standortbeziehung“.
Wir wollten (und wollen) unsere ganze Energie in die neue Pädagogik und auch in die damit neu auftauchenden Fragen einbringen Die Realität zwang uns ihren eigenen Rhythmus auf und wir lernten folgendes daraus: Es ist unmöglich, einen Schritt in der geistigen Welt zu vollziehen, ohne gleichzeitig drei Schritte in der irdischen zu gehen. Daher richtet sich ein Großteil unserer Energie auf Behördengänge und formale Abwicklungen, damit wir die erhofften Genehmigungen und die damit verbundenen Mittel bekommen. Ich bin guter Hoffnung, dass wir uns dem Ende dieser auslaugenden Phase nähern und einen monatlichen Betrag von Seiten des Israelischen Bildungsministeriums erhalten können.
Die anhaltenden Verhandlungen mit dem Ministerium führten gelegentlich zu nervtötenden Situationen, in denen ich völlig erschöpft, atemlos war, immerzu verpflichtet, dem Ministerium mehr und mehr an Unterlagen zu Verfügung zu stellen und jeden Tag Stunden am Telefon verbrachte, anstatt unseren freundlichen und großzügigen Unterstützern aus aller Welt, die mit uns Kontakt halten und uns versorgen, meine Aufmerksamkeit zu schenken (noch haben unsere Bemühungen noch keinen Erfolg gehabt)
Ich möchte diese Gelegenheit wahrnehmen, um von ganzem Herzen meine tiefe Dankbarkeit diesen Menschen auszusprechen, die die wirklichen Partner auf unserer Reise sind und mich dafür entschuldigen, wenn so manches „Dankeschön“ zu spät kam- lieben Dank für euer Verständnis!
Ich gehe davon aus, dass wir in nicht allzu ferner Zukunft eure großzügige Spende für Lehrerfortbildung, Anschaffungen für den Kindergarten und das Errichten eines Currikulums verwenden werden, so dass wir für immer mehr Familien an Attraktivität gewinnen und damit die Aufmerksamkeit der Medien auf uns ziehen.
Allen Schwierigkeiten zum Trotz halten wir zum Ende des 3. Jahres inne und betrachten, was alles geschehen ist, bevor wir das vierte Jahr beginnen.
Unsere Bemühung zu einer Bewertung am Ende des zweiten Jahres zu gelangen, wurde durch den jäh in unserer Region ausbrechenden Krieg zunichte gemacht, es war wohl nicht der richtige Zeitpunkt dafür.
Um damit nun fortzufahren bereiten wir in diesem Juli ein Bewertungsseminar vor, unter der Beteiligung aller Lehrer, die bis jetzt im Kindergarten gearbeitet haben, sowie mit allen unseren Mitarbeitern.
Die grundsätzliche Frage lautet: Worin besteht der Beitrag der Waldorfpädagogik für den Bau einer Brücke zwischen unseren beiden Kulturen? Während des Kurses, sieben 4-stündiger Sitzungen, wollen wir unsere Beobachtungen des bisher geschaffenen dahingehend vertiefen:
- Worin liegt das Grundsätzliche der interkulturellen Beziehungen im Kindergarten?(Zwischen den Kindern aus verschiedene Kulturen, zwischen den Kindergärtner der beiden Kulturen, zwischen dem Lehrer aus einer Kultur zu dem Kind aus einer anderen Kultur, etc)
- Was ist das Grundsätzliche der Pädagogik, die wir gewählt haben: Haben wir dazu ermutigt, eine zweite Sprache zu erlernen? Wie? Hat unsere Vorgehensweise diesem Ziel angemessen gedient? Wie erzählten wir Geschichten? In welcher Sprache sangen, beteten und unterhielten wir uns?
- Worin besteht die Rolle des Puppentheaters? Welche zusätzlichen Mittel können uns dabei noch nützlich sein die Sprachbarrieren zu überwinden?
- Welche Feiertage begehen wir und auf welche Art und Weise? Was vermittelten wir so den Kindern?
- Wie sollen wir entscheiden, in welcher Situation welche Sprache gesprochen werden soll?
Um allen Themen die nötige Zeit zu schenken, die sie brauchen, haben wir beschlossen , uns in diesem Seminar auf die pädagogischen Fragen zu beschränken.
Die technischen Fragen werden dann mit dem ausführenden und helfenden Mitarbeitern vom NGO besprochen.
Ich habe vor, euch noch vor Beginn des vierten Jahres zu schreiben um euch über den neusten Stand unserer Erkenntnisse und Beschlüsse, die zukunftsweisend sein werden, zu berichten.
Nun schließe ich mit sonnigen Grüssen, da uns der Sommer erwartet und ich hoffe, den einen oder anderen von euch als willkommenen Gast dieser Tage einmal im Kindergarten zu sehen.
Herzlich Euer,
Amir Shlomian
Wir danken Irena Wachendorff für die Übersetzungen