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Im November 2011
Liebe Freund/Innen und Unterstützer/Innen in Holland, Deutschland, England, Tschechien, Frankreich, den USA, Australien, Palästina, Israel und auf der ganzen Welt
Ihr Lieben, nun sin des zwei Monate, seit das Schuljahr in Ein Bustan begonnen hat und noch länger seit ich Euch mit Nachrichten versorgte. Einige von Euch haben bereits gefragt, was in der Zwischenzeit passiert sei und ich danke Euch – jede Eurer Nachfragen gab mir die Kraft, unsere Arbeit fortzusetzen. Mein Dank gilt aber auch denjenigen, die geduldig auf Nachricht warteten und deren Unterstützung ich mir immer ebenso sicher sein konnte.
Vor einigen Monaten wurde mir klar, daß ich einer der Lehrer in unserer ersten bilingualen (arabisch-hebräisch) Grundschulklasse sein müßte. Ich erkannte, daß ich genau das tun wollte und daß die Chance, diese Klasse überhaupt einzurichten, ohne meine Beteiligung eher gering war. Und so habe ich, obwohl ich bislang immer betont hatte, die Lehrer/Innen unterstützen zu müssen und daher nicht selbst unterrichten zu können, beschlossen, selbst die Leitung der Klasse zu übernehmen – zusammen mit meiner Kollegin Hasna.
Neben den vielen anderen Dingen, die ich erledigen muß, war es zunächst nicht einfach, aber ich bin glücklich mit meiner Entscheidung. Der tägliche Kontakt zu den Kindern gibt mir Kraft und stellt ein gutes Gleichgewicht zu meinen administrativen Aufgaben und der Zusammenarbeit mit Erwachsenen, wie der CEO unseres Vereines, dar. Für diejenigen, die das nicht wissen: von 1998 bis 1999 lebte ich in London und machte eine Ausbildung zum Waldorf-Pädagogen am Londoner Waldorf-Lehrer/Innen-Seminar unter der Leitung von Dr. Brian Masters, einem Waldorf-Veteranen. Seit dieser Zeit habe ich als Musiklehrer an zwei Waldorf-Schulen in unserer Gegend, in Harduf und in Shaked (wo meine beiden älteren Kinder nun zur Schule gehen), gearbeitet.
Im letzten Sommer hatten wir viel zu tun, um uns auf das kommende Schuljahr vorzubereiten. Wir haben ein Gebäude in Hilf gemietet, ganz in der Nähe von dort, wo unser bisheriger Kindergarten liegt. Dieses neue Gebäude war alles andere als neu, genaugenommen war es unbenutzt und seit fünfzehn Jahren verlassen. Wir fanden es für unser Vorhaben gerade geeignet und es ist uns gelungen, den Besitzer, der eigentlich gar nicht an Vermietung dachte, umzustimmen und uns sogar die Renovierung zu erlauben.
Viel Arbeit erwartete uns, den wir mußten renovieren und baulich so umgestalten, daß ausreichend Platz für einen neuen Kindergarten und eine Grundschulklasse entstehen könnte. Wir haben eine Wand entfernt, die einen größeren Raum in zwei kleinere teilte und so ein Klassenzimmer geschaffen. An anderem Ort haben wir eine Trockenbauwand errichtet, um Kindergartengruppe und Grundschulklasse voneinander abzugrenzen. Wir haben einen Zaun um das Grundstück gezogen und Holztore eingefügt. Viel Müll mußte vom Grundstück entfernt werden und das ganze Areal umgestaltet: Bauschutt und Erde wurden zu einem kleinen Hügel aufgeschüttet, auf dem die Kinder nun klettern und spielen können. Fruchtbare Erde wurde für unsere Beete ausgebracht, ein Zementpfad angelegt und Wasserleitungen installiert, damit wir Blumen, Sträucher, Busche und Bäume pflanzen und bewässern können. Die Innenräume des Hauses wurden erneuert und eine Toilette eingebaut. Eine Wandtafel, ein Klavier, Kühlschränke und Herde, Vorhänge, Puppen und Bauklötze waren Spenden, die wir dankbar für Schule und Kindergarten entgegennehmen konnten.
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All dieses geschah in kürzester Zeit und während das Kollegium sich in internen Evaluationen und pädagogischen Weiterbildungen auf die Anforderungen des nächsten Schuljahres vorbereitete. Hinzu kam für die Hälfte unserer Mitarbeiter/Innen der Fastenmonat Ramadan, in dem täglich von Sonnenaufgang bis abends gefastet wird. Viele Fragen blieben zunächst unbeantwortet, aber wir wußten, daß wir uns zu einem späteren Zeitpunkt damit befassen müßten. Wir haben viele neue Familien aufgenommen, neue Kolleg/Innen und viele Kinder sind von den bisherigen Gruppen in die neuen „aufgestiegen“.
Was sol lich sagen? Während ich dieses hier schreibe, blicke ich zurück und wundere mich, daß all das überhaupt möglich war – aber es war! Wir haben ein neues Jahr begonnen, an zwei Standorten und jeder beherbergt zwei lebendige Gruppen. An dieser Stelle möchte ich noch einmal ausdrücken, wie dankbar ich den Eltern bin, die viele Wochenenden und ihren Urlaub geopfert haben, um bei der Renovierung zu helfen und wie sehr ich den großzügigen Spender/Innen und Unterstützer/Innen für ihre finanzielle Hilfe danke. Vielen Dank Ihnen allen – ohne Sie wäre das alles nicht möglich gewesen! Mit Ihrer Hilfe und Unterstützung haben wir die Welt verändert und sie ein wenig besser und schöner gemacht.

Wie ich oben schrieb, haben wir nun zwei Gebäude. Der alte Kindergartenbau trägt nun den Namen „Dahlia“ (was auf arabisch „Rebe“ bedeutet und auf den wundervollen Rebstock am Eingangstor zu Ein Bustan zurückgeht). An diesem Standort sind zwei Gruppen, Amnas und Gidis Kindergarten für die Kleinen von drei bis vier und, direkt daneben, die Krabbelgruppe, die Yoav und Imam leiten. Das neue Gebäude heißt „Nisan“ (arabisch für „Frühling“ und auch der Name eines Monats im Frühling). Dort befindet sich der Kindergarten für die älteren Kinder von vier bis fünf, geleitet von Ibtisam, Esti und Fatma, sowie unsere erste Schulklasse mit ihrer Lehrerin Hasna und ihrem Lehrer Amir (das bin ich). Darüberhinaus haben wir Unterstützung von anderen Lehrer/Innen in Teilzeit: Lydia (Handarbeiten und Werken), Yael (Englisch) and Meirav (Eurythmie). Außerdem unterstützen uns junge arabische Beduinenfrauen, die ihren Ersatzdienst als Praktikantinnen im Kindergarten ableisten.
Neben dem Lehrerkollegium arbeiten in der Verwaltung Rachel (zuständig für Entwicklung und Spenden), Oren (Finanzwart), Awni (Buchhaltung) und, seit kurzem, Ronit Pan, freiwillig und in Teilzeit zuständig für das Sekretariat. Hier möchte ich aber auch die vielen Eltern nicht vergessen und Orit, Lee und Orna, die eine ganze Reihe von Aufgaben übernommen haben, beginnend mit dem Kontakt zum Bildungsministerium bis hin zur Gestaltung des Gartens. . Itamar Feigenbaum und Eli Simon nehmen weiterhin ihre Aufgaben in unserem Direktorium wahr. Und natürlich werde ich weiterhin die Geschäftsführung übernehmen. Die vielen anderen, die ich jetzt nicht erwähnte, mögen mir vergeben: es sind viele und die Anzahl wächst! Ich bin all den begabten und engagierten Leuten, die helfen, diese Welt für uns zu verbessern, zu vielem Dank und großer Anerkennung verpflichtet.

Ich begann meine Zusammenarbeit mit Hasna im April letzten Jahres. Wir haben uns getroffen, so oft es ging. Wir besprachen uns und erarbeiteten gemeinsam ein Konzept für die Herausforderung, die vor uns lag. Wir trafen uns mit Eltern, die sich mehr und mehr für unsere Idee begeisterten. Jede/r von uns hospitierte in ersten Klassen in verschiedenen Schulen. Ich konnte wunderbare Klassenleiter/Innen beobachten und mich mit erfahrenen Lehrer/Innen austauschen. Von denjenigen, die meine eigenen Kinder unterrichten, habe ich viel Ermutigung erfahren und gute Anregungen für die Praxis bekommen. Ich habe alte Bücher, Notizen und Materialien durchgearbeitet, wir haben zusammen Geschichten und Ideen gesammelt und schließlich den Lehrplan erstellt. Jeden Morgen ging ich hinaus in die Natur, um Eindrücke zu sammeln und zu verarbeiten und bewundernd wahrzunehmen, wie sich alles auf wunderbare Weise ändert. Ich hoffe, unsere Schüler werden das auch tun. Während die Zeit verstrich, wartete ich gespannt – und sicherlich auch ein wenig ängstlich und aufgeregt – auf den Beginn des neuen Schuljahres.
Noch immer waren viele Fragen offen. Es war nicht klar, wer uns pädagogisch unterstützen und beraten könnte. Es war nicht klar, ob wir die Unterstützung bekommen würden, die wir brauchten, um diesen gewaltigen Schritt zu tun. Natürlich hatten wir unsere Vorstellungen davon, wie die Kindergärten über die nächsten sechs Monate laufen würden, aber tatsächlich würden wir etwas tun, was beispiellos war, etwas, was meines Wissens noch niemand getan hatte. Wie würden wir den morgendlichen Unterricht jeden Tag in zwei Sprachen bewältigen können? Wie würden wir singen? Wie würden wir unseren täglichen Spaziergang machen? Würden sie Kinder sich mit zwei Sprachen in einem Klassenzimmer zurechtfinden? Wie mit Liedern, die nicht in ihrer Muttersprache waren? Und wie würden sie Hasna und mich annehmen?
Die rettende Antwort auf all diese Fragen war der tiefe Glaube in meinem Herzen, so hell und klar wie das Tageslicht. Und dieser Glaube ist noch immer da und er führt mich. Ein Glaube, der so stark ist, daß Worte nicht ausreichten, ihn zu beschreiben, wie eine spirituelle Kraft, die von oben kommt und mein ganzes Sein mit Liebe und Licht anfüllt. Wenn dieser Glaube mit Worten zu fassen wäre, würden diese Worte lauten: die Kinder werden etwas bekommen, was nicht meßbar ist mit den Maßen, die wir kennen. Es gibt nichts Wichtigeres in der Erziehung als die Erziehung zur Liebe des Nächsten. Auf arabisch: „ahbib lahika kamaa tuhib nafsika” oder, wie in der jüdischen Weisheit, daß es eine goldene Regel der Torah sei, den Nachbarn wie sich selbst zu lieben. Das ist es, was wir sofort brauchen und es ist ein internationales Anliegen – für alle Menschen, denn ohne diese Regel zu beachten, können wir uns nicht zum Besseren entwickeln und in eine gesunde Zukunft schauen. Es gibt anderen keinen Weg zum Guten als den über das Herz eines jeden Menschen. Jetzt ist der Zeitpunkt für eine Veränderung in unserem und der Menschheit Bewußtsein.

Uns, die wir in Ein Bustan arbeiten, bietet sich eine unglaubliche Möglichkeit, vielleicht die größte Möglichkeit überhaupt. Unsere Kinder sind nicht unser Eigentum, sie sind „Töchter und Söhne der Lebensbegierde und, obwohl sie bei Dir sind, gehören sie Dir nicht“, um Khalil Gibran zu zitieren. Laßt uns nicht danach streben, sie uns gleich zu machen, sondern im Gegenteil, laßt sie uns in die heiligen Verheißungen der Zukunft einweihen. Rudolf Steiner sagte, jede Erziehung sei Selbsterziehung und wir tun unser Bestes, unablässig und mit allem Mut, uns selbst zu erziehen.
Das Wetter in unserem Teil der Welt ist in den letzten Tagen kühler geworden und wir genießen einen wundervollen Herbst. Die Muslime unter uns haben kürzlich Eid El Adha gefeiert. . Kul Am waintu bahir! Die Juden unter uns feierten Tishrei, das jüdische Neujahr. Eine wunderschöne Laubhütte stand während Sukkot im Garten und erinnerte mich auch noch einmal daran, wie wichtig Gastfreundschaft ist. Gastfreundschaft gegenüber Nachbarn, solchen, die uns nah sind, aber auch gegenüber jenen, die weiter entfernt stehen. Und wie wichtig ist es doch, Menschen anzunehmen als die, die sie sind, uns ähnlich oder auch ganz anders als wir selbst.
Dieser Brief wird diejenigen, die andere Sprachen sprechen, innerhalb des nächsten Monats erreichen. Darunter sind auch viele Christen. Weihnachten ist nicht mehr fern und kurz darauf, der Jahreswechsel. Frohes Neues Jahr!
Viele, die diesen Brief lesen, kenne ich persönlich, manche würde ich gerne kennenlernen, aber hatte noch keine Gelegenheit. Wir haben noch viele Aufgaben zu erledigen und noch ist der Boden, auf dem wir stehen, nicht gesichert. Daher brauchen wir die großzügige Unterstützung, ob in Ermutigungen oder in finanzieller Hilfe. Um unseren Kindergarten und unsere Schule weiterführen zu können und um neue Gruppen einzurichten, brauchen wir viele Ressourcen, menschlich und materiell.
Ich möchte jede und jeden von Ihnen segnen und wünsche allen Glück und Zufriedenheit und ich hoffe, daß Sie sich an Ihren Lieben erfreuen und die Früchte Ihrer Arbeit genießen können. Mögen wir alle erkennen, wie wir das Gute miteinander teilen können, das uns diese wunderbare Welt gibt. Ich hoffe, daß die Bande zwischen uns in den kommenden Jahren noch enger wachsen und daß mehr und mehr Menschen erkennen, daß wir alle eine einzige Familie sind und daß die Solidarität zueinander notwendig ist, um uns – auch gegenseitig –weiterzuentwickeln. Als Leiter von Ein Bustan habe ich mich verpflichtet, alles in meiner Macht Stehende zu tun, um diesem Ziel näher zu kommen, um unsere Arbeit zu vertiefen und zu verbreiten – so weit wir nur können.
In Liebe,
Amir Shlomian
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