Eine lebensverändernde Erfahrung
Im Herbst 2000 hatte ich ein Erlebnis, das mein Leben veränderte. Obwohl es mir heute so vorkommt, als sei es die Geschichte eines anderen, hat dieses Erlebnis für mich nie an Bedeutung verloren.
Herbst...ich hatte gerade meinen Arbeitstag an der Schule in Harduf beendet, ein kleiner Kibbutz in Galiläa im Norden Israels. Einer inneren Eingebung folgend, wählte ich eine andere Fahrroute nach Hause als die, die ich sonst nehme.
Irgendjemand erzählte von einem Aufruhr auf der Strecke nach Shfaram, einer arabischen Stadt.
Als ich an der Kreuzung bei Shfaram ankam, standen viele Autos vor mir. Es sah nach einem normalen Stau aus, aber als sich nichts bewegte, stieg ich aus um herauszufinden, was uns nun aufhielt.
Ich ging an der Autoschlange vorbei bis zur Kreuzung. Dort sah ich nicht sehr viel: Ein oder zwei brennende Reifen, die einen ätzenden Gestank verbreiteten und eine halbierte Öltonne mit undefinierbaren Inhalt. Dies zu entfernen erschien mir recht einfach. Ich bräuchte nur ein wenig Mithilfe und so lief ich zu den wartenden Autos zurück und signalisierte dem erstbesten Fahrer zu kommen und mir zu helfen. Der Mann schaute weg und ignorierte meine Bitte.
Der zweite Mann schaute schon weg, als er mich sah. Der Dritte öffnete sein Fenster und brüllte mir zu, dass ich verrückt sei, dass dort draußen schreckliche Dinge passieren und dass ich sofort zu meinem Wagen zurückkehren solle !
Ich begriff, an dieser Kreuzung geschah mehr, als meine Augen sahen. Diese Menschen konnten ihre Autos nicht einfach verlassen. Ich fühlte eine übermächtige Furcht hinter den herausgeschrieenen Sätzen ; paralysierende Angst.
Auf einer Anhöhe über uns sah ich einige Einwohner von Shfaram, die uns gebannt beobachteten; mit Sicherheit nicht jene, welche die Reifen in Brand gesteckt hatten. Ich rief ihnen einen freundlichen Gruss zu, aber sie waren von mir zu weit entfernt, selbst wenn sie mich hätten verstehen können.
Die brennenden Reifen und die Öltonne konnte ich leider nicht alleine bewegen und so fuhr ich fort über die Kreuzung auf und ab zu gehen auf der Suche nach Hilfe. Plötzlich sah ich eine wunderliche Gruppe von Leuten, die sich in meine Richtung bewegten: Wie in einer Filmszene. Sie trugen Helme, kugelsichere Westen und Schlagstöcke. Ich erinnere mich, dass ich versuchte, mir ihre tatsächliche Anzahl zu merken, damit ich einen realistischen und objektiven Eindruck behalte, wenn die Halluzination mich verlässt. Siebzig! Das war’s, was ich zu mir sagte : Heute finde ich es schwierig, das zu glauben.
Sie waren in Reihen formiert, die Ellenbogen entschlossen angewinkelt. Sie kamen, um den Weg frei zu räumen. Erstaunlich, sie nahmen mich nicht wahr. Es schien so, als hätten sie mich gar nicht gesehen, obwohl ich nur ein paar Meter von ihnen entfernt stand. Es war, als ob die Tatsache, dass ich als einziger von dieser Angst, die alle anderen an der Kreuzung erfasst hatte, unberührt war, mich unsichtbar mache. Ich schaute sie mit Tränen in den Augen an. Was willst du hier eigentlich? Ich fühlte mich allein, hilflos. Ich wollte jedem Einzelnen erklären, wie sehr sie gemeinsam diese Situation erschaffen.
Es war mir klar, über diese brennende Kreuzung würde viel berichtet werden. Absolut , kaum war ein Tag vorbei las man in den Schlagzeilen in ganz Israel von den „Oktober Aufständen“. Die Nachwirkungen dieser Ereignisse prägen weiterhin unsere Gegenwart. Wer würde heute schon glauben, dass an dieser Kreuzung nicht wirklich irgendwas von Bedeutung geschah? Wie einfach wäre es gewesen, alles wegzuräumen? Ganz offensichtlich war eine kleine Gruppe frustrierter und leidender Jugendlicher für diese Sache verantwortlich und die allgemeine Bevölkerung hatte nichts damit zu tun. Angst wickelt uns alle ein und verhärtet sich zu Hass; eine große, furchtbare, gewalttätige Angst.
Jene Ereignisse lösten Wut und Furcht aus, die zum Tode von Unschuldigen und Unbeteiligten führten....und es ist noch kein Ende in Sicht.
Ich wollte all dies erklären, aber niemand hörte auf mich. Ich erkannte den gewaltigen und verhöhnenden Kern der Angst. Sie wusste, ich war außerhalb ihres Einflussbereiches, da ich mich ihr entzog, doch war sie auch stärker als ich und so bildete ich mir ein, ihr Hohngelächter zu hören.
Diese Geschehnisse haben sich in mein Gedächtnis wie ein Treffen auf mein Karma eingegraben. Ich wusste, meine Mission würde mir danach klar werden. Wie von selbst formten sich Sätze in mir und verdichteten sich in einem Gedicht.
Das Gedicht, welches ich vertonte, heißt „Shfaram Junction“ und wurde in einem Tonstudio in Tel Aviv zusammen mit einigen engen Freunden aufgenommen. Ich hatte Glück und es wurde im Radio gespielt. Außerdem reiste ich mit meiner Gitarre umher, sang und spielte auf israelischen Friedensfestivals. Aber auch dies war nicht die erhoffte Katharsis. Um zum Punkt zu kommen: Hier bin ich und erzähle die Geschichte schon wieder.
Mir ist klar, wenn ich nichts mit diesem karmischen Erlebnis anfange, nicht dazu beitrage, die
Angst zu zerstreuen und den Knoten der gewalttätigen Gefühle zu lösen, dann habe ich keine Berechtigung in dieser Region zu sein. Warum sonst leben wir am Kraterrand des Vulkans? Darüber hinaus noch erschlossen sich mir neue wichtige Einsichten: Negative Gefühle führen zu Zerstörung und Vernichtung. Diese Gefühle aber können gebündelt und ins Positive gewendet werden, wie auch der Wind zerstörerische oder sehr nützliche Kräfte entwickeln kann. Meine Frage war, wie könnte ich das angehen?
Während ich nach umsetzbaren Lösungen suchte, rief ich einen Gesprächskreis ins Leben, der sich über 4 Jahre monatlich traf. Die Teilnehmer waren Araber und Juden zur gleichen Zahl. Es wurden 2 Sprachen gesprochen, Arabisch und Hebrew. Die Teilnehmer konnten ihre schmerzvollen Erfahrungen in einem unterstützenden und liebevollen Kreis teilen. Manchmal wurden auch extreme Meinungen und Gedanken geäußert...ein zuhörender Raum kann vieles auffangen. Ich hab mich oft gefragt, ist dies ein „Genug“ an Verantwortungsübernahme für all das, was um uns herum geschieht? Jederzeit könnte ein neuer Krieg ausbrechen. Ein Ende dieses alptraumhaften Teufelskreises scheint mir nicht in Sicht... Gewalt, Trauer, Rache, Gewalt, Trauer...
Meine andauernde Suche nach einem sinnvollen Beitrag führten zur Gründung des Kindergartens „Ein Bustan“. Ich wusste, dass ich meine Energie mit meiner tiefsten Überzeugung bündeln muss und richtete aus dem Blickwinkel eines Vaters meine Bemühungen auf die Gründung eines Kindergartens: mein ältester Sohn genießt seit 2 Jahren diesen multikulturellen Kindergarten.
Letzten Monat habe ich an Kindergartenveranstaltungen zu
Chanuka, Weihnachten und Eid El Adha teilgenommen. Ich empfinde noch größere Freude, wenn ich sehe, wie jüdische und muslimische Kinder zusammen ein muslimisches Feiertagslied singen und dabei ein Miniaturmodell der Kaaba umrunden, als wären sie Pilger auf ihrem Weg nach Mecca. Es ist so unglaublich aber dennoch möglich! Nach solchen wunderbaren Feiern finde ich die Kraft, mich aufzurichten und mehr und mehr für das Unmögliche zu tun.
Wir werden weiterhin unsere Welt aufbauen auf einem Fundament, das aus der Stärke von Glauben und Liebe besteht. Gedanken schaffen Realitäten! Lasst uns unseren Gedanken vereinigen für eine bessere Zukunft. Es ist besser unsere Welt nach unseren höchsten Träumen zu formen als nach unseren dunkelsten Ängsten.
Amir Shlomian, Januar 2007
Wir danken Irena Wachendorff für die Übersetzungen