Ein Bustan: Arab Jewish Waldorf Kindergarten - Eine persönliche Mitteilung von Amir im Nachklang des jüngsten Krieges

Einen Samen säen für Hoffnung und Frieden

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Eine persönliche Mitteilung von Amir
im Nachklang des jüngsten Krieges
Februar 2009
 
Liebe Freunde und Unterstützer
 
 Ein Bustan kinder
Während der vergangenen letzten Wochen ist mir klargeworden, dass ich einige Dinge niederschreiben sollte und meine Perspektiven und Wahrnehmungen erklären möchte. Viele meiner persönlichen Freunde sowie auch Freunde des Kindergartens Ein Bustan in aller Welt sind verunsichert durch die jüngsten Ereignisse und fragen sich, wie diese auf uns eingewirkt haben. Wie ist ein Krieg, wie dieser zwischen Israel und der Hamas, möglich? Wer trägt zu einem solchen Krieg mit bei und wer unterstützt ihn? Was beschäftigt die Mitglieder von Ein Bustan in dieser Zeit und wie fühlen sie sich? Wie geht es den Kindern, Eltern und Lehrern? Ich stelle hier meine eigenen Gedanken in den Vordergrund und spreche damit natürlich nur für mich. Wie auch immer, vielleicht erhellen meine Gedanken die Umstände, wenn auch nur in einem gewissen Rahmen, und erwecken unter euch ein Mitfühlen.
 
Zuerst möchte ich meine Einstellung in Bezug auf militärische Aktionen klarstellen: Ich glaube nicht an Krieg; ich glaube nicht an Gewalt; Ich glaube nicht, dass es keine andere Wahl gibt. Ich glaube nicht, dass es unmöglich ist, den Konflikt mit friedlichen Mitteln zu lösen. Ich lehne strikt den Einsatz von Waffen und Gewalt ab und damit ist es klar, dass ich natürlich jede militärische Aktion ablehne, die die Zivilbevölkerung, Kinder und Frauen zu einem Zielobjekt macht. Ich glaube, es gibt viele Möglichkeiten, die man erkunden könnte, bevor man Waffen sprechen lässt, und auf jeden Fall ist es ganz unmöglich, sich aus dem Kreislauf der Gewalt zu befreien, wenn man sich ihr nicht zur Gänze verweigert.
 
Über das Leiden meiner israelischen Brüder, die in Städten und Siedlungen nah an der Grenze leben, bin ich mir sehr bewusst und bete für ihr Wohlergehen und dafür, dass sie ein unbeschwertes und angenehmes Leben führen können. Ich bin mir ebenfalls des Leides unserer Brüder im Gaza bewusst, deren Leben zu einem fortlaufenden Alptraum geworden ist: Jede Hoffnung, sie könnten zurückfinden in ein ruhiges und friedvolles Leben wurde ganz und gar zerbombt und zerstört. Ich bete für die Erneuerung der Hoffnung in ihren Herzen auf ein Leben in Ruhe und eine rasche und völlige Erholung und letztlich für Wohlergehen und Wohlstand beider Völker.
 
Mit Schmerzen habe ich die gewalttätigen und unmenschlichen Ausfälle beobachtet, die meine Brüder auf beiden Seiten überwältigten, und nehme mich selber als stärker gefestigt in meinen Ansichten wahr. Es ist außer Zweifel, was dieser Konflikt in vielen Leben angerichtet hat, aber wir haben gar keine Vorstellung davon, wie immens der Schaden ist, den die Seele nimmt. Die Lage scheint so hoffnungslos, dass wir bis in die Grundfesten zerstört sind und die Dinge nicht mehr schlimmer werden können. Aber paradoxerweise kann uns diese Lage auch zu Optimismus führen. Ich verlieh dieser Stimmung Worte in einem meiner Lieder:“ Alles ist nun geschehen / ohnehin hab ich alles verloren / doch aus dem Nichts, was blieb in meiner Hand / ist alles möglich noch“ ( aus „ Life Starts Now“ von Amir Shlomian) Es sind Zeiten wie diese, in der ich alles tue um diesen Optimismus zu nähren und das ist es, was mich dazu bringt, direkt zu handeln. Ich muss damit fortfahren das zu tun, was ich als richtig erachte, noch genauer und ohne jede Verschwendung von Zeit und Energie; klarer Focus und größte Effektivität sind nun gefordert.
 
Ich möchte Einiges über Gruppenzugehörigkeit und die Identität des Einzelnen hinzufügen. Übereinstimmend mit meiner Überzeugung, die mit jedem Jahr, in dem der Kindergarten fortbesteht, ihre Bestätigung erfährt, hat jeder Mensch nur eine Persönlichkeit. Diese Persönlichkeit ist mehr oder weniger komplex, aber selbst wenn regelmäßig 5 Getränke in das Glas der Identität gegossen werden, wird dabei immer nur ein ganzer Cocktail herauskommen. Wie auch immer, diese Mischung wird enorm beeinflusst durch das, was die Eltern ihrem Kind einflößen. Also, wenn die Furcht ein ständiger Begleiter in den Herzen der Eltern ist, wird das Kind wahrscheinlich ebenso von Angst erfasst werden. Wenn Eltern sich intensiv mit der Furcht und jeder unguten Stimmung in ihren Herzen auseinander setzen, dann werden Mut, Verantwortungsgefühl und gestärkte Aktivität in das Gefäß der kindlichen Persönlichkeit fließen und wirksam werden. Ich selber fühle mich als Israeli und als Jude, doch weder Sprache, Kleidung, religiöse Bücher noch religiöse Bräuche kennzeichnen meine vorrangige Gruppenzugehörigkeit. Die Mitglieder der Gruppe, der ich mich verbunden fühle, lieben das Leben und ihre Mitmenschen, sie leben in der ganzen Welt und sprechen viele verschiedene Sprachen. Sie sind meine Brüder und Schwestern und werden niemals den Krieg wählen oder zu Waffen greifen, und sie werden alles tun, was in ihrer Macht steht, um Gewalt zu vermeiden.
 
Es gibt Momente, in denen ich Ärger und Schmerz in mir aufwallen fühle; dann suche ich nach einer angemessenen Weise, mich auszudrücken. Die Bewusstseinskräfte, die es auf beiden Seiten braucht um die Veränderung möglich zu machen, sind gewaltig. In diesem Abschnitt meines Lebens, sehe ich meine Aufgabe darin, Ängste und negative Gefühle auf beiden Seiten ganz bewusst zu transformieren. Ich glaube an die Kraft der Kunst die notwendigen Veränderungen zu bewirken und ganz besonders an die Kraft der Erziehungskunst.
 
In den Nachwirkungen des Krieges initiierten wir zwei Gesprächsrunden in Ein Bustan. Eine für die Eltern der Kinder und eine für die Erzieher. Diese Gesprächskreise stärkten unsere Gefühle der Partnerschaft und der gegenseitigen Unterstützung und vermochten unsere negativen Gefühle abzuleiten.
 
Innerhalb des von uns gesteckten Konzeptes fahren wir in unseren Bemühungen fort , die erste arabisch-jüdische Grundschulklasse aufzubauen( sie wird die erste in dieser Art sein) und so befinden wir uns in ständigen Beratungsgesprächen mit der Shaked Waldorfschule in Kiryat Tivon. Ein Hebräisch sprechender Lehrer hat seine Bereitschaft gezeigt in dieser Klasse zu unterrichten und drei Arabisch sprechende Lehrer haben sich schon zur Wahl gestellt. Die Präsentation unserer Pläne vor dem zentralen Elternkommittee wurde mir zugetragen und ich stieß auf Zustimmung für unsere Ideen. Ein Treffen mit den Eltern jener Kinder im Kindergarten, die ab nächstes Jahr für eine erste Klasse in Frage kämen, hat auch schon stattgefunden. Bald werden wir uns mit dem Lehrerkollegium von Shaked treffen um das Projekt der gemischten Klasse in einer erweiterten Diskussion innerhalb des „Waldorf teacher management committee“ zu führen.
 
Die letzten schwierigen Ereignisse haben dazu geführt, dass sich viele Leute extremere Ansichten zu eigen machen. Wir tun alles, was uns möglich ist, um auf einen Prozess der Bewusstseinserweiterung hinzuführen wie dieser, dass gute Handlungen in der Welt die negative Energie von Ärger und Furcht erlösen und ersetzen. Es ist ganz klar, dass viel schwere Arbeit vor uns liegt, aber so lange ich meine Arbeit fortführen kann, danke ich Gott täglich, Nushkur Allah. Ich danke euch dafür, dass ihr diesen Brief gelesen habt.
 
 
In Freundschaft
Amir Schlomian
Wir danken Irena Wachendorff für die Übersetzungen


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