Nichts ist selbstverständlich
von Rachel Gottlieb
(Wir danken Irena Wachendorff für die Übersetzungen)
Amir schreibt sehr knapp, dass eine weitergehende Existenz des arabisch-jüdischen Waldorf Kindergartens Ein Bustan, der sich mittlerweile im vierten Jahr seines Bestehens befindet, nicht als gesichert zu betrachten ist.
Ich würde gerne mit euch ein paar persönliche Erfahrungen teilen, die aufzeigen, warum dies so ist. Erfahrungen, die meine Wahrnehmung dahingehend schärften, welch immens wichtige Rolle unsere Initiative bei der Unterstützung für eine besseren Zukunft für uns und unsere Kinder spielt.

Mein Sohn besuchte die erste Gruppe des gemischten Kindergartens und wurde dort beglückend zwei Jahre lang betreut (inzwischen ist er in der 1. Klasse). Gegen Ende dieser Zeit lud mich ein Nachbar aus Kiryat Tivon zu einem zwanglosen Beisammensein auf seiner Terrasse ein, zusammen mit anderen Freunden von ihm und deren Kindern. Eine der Mütter fragte mich beiläufig, welchen Kindergarten denn mein Sohn besuchen würde. Als ich ihr antwortete, er ginge in einen gemischt arabisch-jüdischen Kindergarten, reagierte sie mit einer Mischung aus Erschrecken und Ablehnung:“ Wie kannst du ihn nur da hin schicken!“ Sie fing an mich zu belehren , wie gewalttätig arabische Kinder von Natur aus seien und mein Sohn deshalb in der ständigen Gefahr schwebe, Schläge zu beziehen. Und kulturell, ihrer Meinung nach, fehle es den Arabern an Allem, was man nur entfernt als Kultur bezeichnen könnte. Die einzige Kultur über die sie überhaupt verfügten, sei eine minderwertige Ansammlung einfacher Bräuche in Kopplung an ihre muslimische Religion: Eine intolerante Religion, die an eine in ihr selbst innewohnende primitive Form von Gewalt gebunden sei. Um ihre Aussage noch zu untermauern, rief sie aus: “Ja, weißt du denn nicht, dass ihr einziges, geheiligtes Buch, der Koran, zum Jihad gegen jeden aufruft, der kein Moslem ist!“
An diesem Punkt, bevor ich auch nur ein einziges Wort einwenden konnte, fuhr ihr Ehemann, mit anklagend erhobenen Zeigefinger auf mich deutend, fort: „Was dich betrifft: Sogenannte weichherzige Liberale, Leute wie Du, ermutigen solche Elemente, unser Land zu zersetzten. Liest du denn nicht die Warnschrift an der Wand?! Leute wie du wollen uns weismachen, es gäbe eine Möglichkeit des Miteinanders. Aber du bist einfach nur naiv! Die warten doch nur darauf, dir ein Messer in den Rücken zu stoßen.“ Fassungslos hörte ich zu, wie er mich weiterhin beschuldigte:“...und Du und deine Freunde vom linken Flügel “, wir seien unpatriotische Feinde, undankbar gegenüber den so zahlreich zu unseren Gunsten erbrachten Opfern und weil wir unsere eigene Kultur aushöhlten in allem, was einen jüdischen Staat eigentlich ausmacht.
Ironischer Weise, während der gesamten Zeit, in der ich diesen rassistischen Tiraden über die kulturlosen Moslems und meinem Mangel an Verantwortungsgefühl zuhörte, belegt durch meine Beziehung zu ihnen (ganz zu schweigen von der Ungeheuerlichkeit, meinen Sohn einen täglichen Umgang mit denen auszusetzen), fabrizierten diese mittelständischen, „oberschulabsolvierten“, israelischen Juden arabische Fladenbrote auf einem Saj (ein traditionelles arabisches Kochgeschirr) über einem Feuer und belegten diese mit original palästinensischen Zutaten: Käse und Ysop.
Mein Sohn, von dem ich angenommen hatte, er wäre völlig vertieft ins
eifrige Spiel mit den anderen Kindern, hatte offensichtlich doch etwas von unserer Unterhaltung aufgeschnappt, und bevor ich nur ein Wort antworten konnte, fragte er mich ängstlich, wer mir denn ein Messer in den Rücken stechen will. Auf dieser Ebene gelandet, hab ich ihn rasch beruhigt: Niemand hätte vor so etwas zu tun, und es sei spät und Zeit, nach Haus zu gehen.
Und an diesem Punkt nahmen wir Abschied von unseren, die Araber hassenden Freunden, die wohl fortfuhren, fröhlich ihre Fladen mit Zaatar belegt zu verspeisen.
Zu Hause angekommen war ich verärgert und bestürzt. Mein Gefühl, ich lebe in einer erleuchteten kleinen „Blase des gesunden Menschenverstandes“ in einer liberalen Stadt, war erschüttert. Es ist gar nicht so, dass ich nicht geahnt hätte, dass solche Ansichten, wie die, die ich gerade vernommen hatte, nicht weit verbreitet seien, doch vielleicht behalten viele Leute diese in ihrem alltäglichen Leben für sich, halten sich heraus in „political correctness“ und sprechen sie nur aus, wenn sie sich sicher genug fühlen unter ähnlich Denkenden oder, wenn sie richtig durchdrehen und Menschen wie mich als eine reale Bedrohung ansehen, vor der man sich in Acht nehmen muss.
Ich vertraute mich Amir an, der mich daran erinnerte, so etwas nicht persönlich zu nehmen, da solche Gefühle von Hass und Ignoranz auf tiefverwurzelter Furcht basieren sowie auf einem Mangel an guten persönlichen Erfahrungen, die zeigen, dass die Dinge auch ganz anders sein können.
Ich frage mich, treffen die arabischen Familien, die in unserem Kindergarten sind, auf ähnliche Abneigung seitens ihrer Freunde und Familien? Werden sie auch als „Ausverkäufer“ ihrer Kultur betrachtet, weil sie ihre Kinder in einen gemischten Kindergarten geben?
Aber warum nur bin ich so überrascht? Rassistischer Hass, Stereotypen, Vorurteile und Diskriminierung gegenüber Arabern sind normal und uns in der Tat in Israel schon früh eingepflanzt worden. Sie durchdringen nahezu jeden Teil unseres Lebens und die Kinder nehmen all dies unbewußt auf, ohne auch nur einmal darüber nachzudenken.
Aufgewachsen in Israel, hörte ich regelmäßig die Phrasen „Araberarbeit“ als ein Synonym für ärmliche und schäbige Arbeit,“ Arabischer Geschmack“ als abwertender Kommentar zu hässlicher Kleidung und genauso auch „Arabische Farben“. In der Schule hab ich nie Arabisch gelernt und so bin ich nicht fähig, wenn in meinem Umkreis Arabisch gesprochen wird, zu verstehen. Ich verlasse mich rein auf mein Auffassungsgefühl zu dem, was gesagt wird, kann aber an einer wirklichen Kommunikation nicht teilnehmen. Die Tatsache, dass die arabische Sprache im obligatorischen Lehrplan nicht vorgesehen war (und ist es immer noch nicht ist) beruht auf einer Absprache zwischen den Institutionen dieses Landes darüber, dass sie weder nötig, noch wichtig sei. Die Tatsache, dass wir diese Sprache immer noch ignorieren, ist auch der Weg, zwei Völker zu trennen und führt dazu, dass wir uns mehr von unserer Kultur angezogen fühlen, ihr loyaler gegenüber empfinden. Verdächtig erscheint die andere Kultur, angstvoll sind wir gegenüber dem, was wir nicht verstehen. Die andere Seite abzulehnen oder zu hassen wird uns dadurch leichter gemacht. Es macht uns zu besseren Soldaten.
Letztes Jahr war ich mutig und voll Hoffnung, dass es letztlich doch zu einer Veränderung in unserer Stadt und den umgebenden Beduinendörfer gekommen sei, als unser Bürgermeister eine Ansprache vor einem gemischten jüdischen, christlichen, muslimischen Publikum in dem hiesigen Kulturzentrum auf Arabisch hielt( so eine Versammlung ist als solche schon ein Meilenstein!).
Doch neulich benutzte genau der gleiche Bürgermeister antiarabische Ansichten um ein paar mehr Stimmen bei der Wahl zu sammeln, und als er gefragt wurde: “ Was stellt heute das größte Problem dar mit dem sich Tivon konfrontiert sieht?“ antwortete dieser :“ Das Hauptproblem für Tivon dieser Tage sind die beduinischen Nachbarn. Sie sind verantwortlich für den Vandalismus in unseren Parkanlagen...sie müssen in ihren eigenen Stadtteilen bleiben und sollen nicht in unsere eindringen oder unsere Dienstleistungen in Anspruch nehmen.“
Nun kam mir in Erinnerung, dass der Grund, weshalb dieser Bürgermeister so gut Arabisch kann, nicht an seiner Bemühung auszumachen ist, Kommunikation mit jenen zu lernen, die anders sind als er, sondern, ganz im Gegenteil, er erlernte diese Sprache als ein Werkzeug zur Unterdrückung während seiner langen Tätigkeit in der Armee beim Israelischen Staatsschutz („ Shin Bet“)
In der Tat war einer der Gründe, die meinen Mann und mich dazu bewegt haben,
unseren Sohn in diesen Kindergarten zu geben, die beschämende Erkenntnis, dass das einzige Arabisch, welches meinem Mann geläufig war, aus Flüchen und solch schrecklichen Kommandos wie:“ Stop! Hände hoch! Ausweis vorzeigen! „ bestand, weil er das während seines Wehrdienstes gelernt hat. Wir wollten, dass unser Sohn andere Worte auf Arabisch lernt, Worte für lachen und spielen und singen. Meine ersten Worte, die ich auf Arabisch begriff, waren verbunden mit den Dingen, die wir gemeinsam in Ein Bustan taten. Als wir den Sandkasten füllten, lernte ich, dass „Rummel“ Sand heißt, und während wir Puppen miteinander nähten, erfuhr ich, „Ahmar“ bedeutet rot.
Die Waldorfpädagogik ist in dieser Beziehung anders. Von früher Jugend an wird die Betonung auf mehr, als nur das reine Erlernen einer Sprache gelegt.
Sie wurzelt in der Einsicht, dass, wenn man die verschiedenen Kulturen und Menschen auf unserer Welt begreifen will, es eine notwendige Voraussetzung ist, ihre Sprache und Kultur zu verstehen. In der Waldorfschule erfahren meine Kinder auch etwas über alle Religionen dieser Welt und erhalten einen Einblick in die reiche Komplexität anderer Kulturen, neben ihrer eigenen, ganz entgegengesetzt zu der ethno-zentrischen Sichtweise, die an den regulären Schulen vorherrscht.
Steiner betonte diese weitergefasste Sicht auf das „Mit-Menschsein“ in den Nachwehen des 1. Weltkrieges, doch heute ist dies noch bedeutsamer als je zuvor, da das alltägliche Leben von uns ein globales Denken einfordert. Es fordert die Verbundenheit mit den Völkern und unsere Liebe zur Menschheit, denn wir müssen mit vielen Herausforderungen umgehen, die sich aus unserem Zusammenleben auf diesem, unseren Planten ergeben.
Gerade vor einem Monat, an Yom Kippur, dem höchsten Feiertag im jüdischen Kalender, wurde die Stadt Akko, in der seit über 100 Jahren Juden und Araber Seite an Seite leben, zu einem Brennpunkt radikaler Aufstände. Ein Araber beging den Fehler, mit seinem Auto in ein hauptsächlich von Juden bewohntes Nachbarviertel zu fahren und das an einem Tag, an dem Autofahren als Entweihung des Feiertages gilt. Die Leute schrieen „ Tod den Juden“ oder „ Tod den Arabern“, während sie Schaufensterscheiben zerschlugen, Autos und Wohnungen anzündeten und sich gegenseitig mit Steinen bewarfen. Wagen, Geschäfte und Wohnungen wurden beschädigt, 5 Häuser brannten vollständig nieder. Jüdische Familien verbargen sich in ihren Schutzräumen, während sich in den Strassen ein arabischer Mob sammelte, und einige arabische Familien wurden buchstäblich aus ihren Häusern vertrieben und fürchten nun, zurückzukehren. Es ist wohl so, dass der Zorn, der über viele Jahre unter der Oberfläche brodelte, sich entlud. Ein von Vorurteilen dominiertes Verhalten gewann die Oberhand und Angst war allgegenwärtig, stieg zur Oberfläche auf und löste so einen Kreislauf von Gewalt und Hass aus.
Die Leute sind sehr schnell dabei, wenn es darum geht hervorzuheben, dass man Akko nicht mit Tivon und seinen Nachbarn vergleichen kann. Akko ist eine gemischt jüdisch-arabische Stadt, in der Juden und Araber sehr eng beieinander leben, wohingegen wir hier in Tivon „getrennt, doch freundschaftliche“ Beziehungen zu den uns umgebenden Beduinendörfern haben. Die Bürgermeister beider Städte sind rasch bei der Hand zu betonen, wie wunderbar und freundlich unser Miteinander ist. Doch ist es wirklich so? Wer nur dem anderen mal hinter die Stirne schaut, wird sehr bald zerstörerische Ansichten hinter der bukolischen und „erleuchteten“ Oberfläche dieser Stadt finden und so manches mal geben sich die Leute auch gar keine Mühe sich zu verstellen.
Zwei Beispiele aus jüngster Zeit- letzten Sommer fanden wir heraus, dass für die Benutzung eines Schwimmbades in einem Kibbutz hier, die Politik betrieben wurde (natürlich inoffiziell), Arabern die Mitgliedschaft in diesem Bad zu verweigern.
Im Umland von Tivon, das an Beduinendörfer grenzt, wurde eine Gemeindeversammlung abgehalten um dagegen Protest einzulegen, dass Grundbesitz an arabische Käufer veräußert wird. Es wurde geklagt, dies würde die Nachbarschaft zerstören und den Wert aller Grundstücke und Häuser mindern. Anti-arabische Pamphlete wurden von Tür zu Tür verteilt und Leute wurden unter Druck gesetzt, auf gar keinen Fall an Araber zu verkaufen.
Und wie sieht es im täglichen Leben aus? Wann hast du das letzte mal im Kino jemanden Arabisch sprechen hören? Oder hast du ein Arabisch sprechendes Kind im örtlichen Gemeindezentrum gesehen? Hast du mal bemerkt, wie schnell eine jüdische Mutter ihr Kind vom Spielplatz entfernt, wenn sie dort ein arabisches Kind sichtet?
Eine einzige verbindende Erziehungseinrichtung gegen diesen Hintergrund von langgesäter Furcht, Vorurteilen und Klischees kann natürlich für nichts garantieren.
Die Eltern von Ein Bustan glauben daran, dass es möglich ist, den Kreislauf von
Gewalt zu durchbrechen, indem man Vorurteile abbaut und in einem möglichst frühen Alter damit beginnt, die Kinder dazu zu ermutigen einander zu treffen und Freundschaften zu schließen. Wir sehen unseren kleinen Kindergarten als ein „kleines Samenkorn der Hoffnung“ für die Zukunft. Ich glaube, die jüdischen und muslimischen Familien beweisen sehr viel Tapferkeit. Sie haben den Schritt heraus gewagt aus ihrer sicheren „Schutzzone“. Sie versuchen, ihre eigenen tiefsitzenden Gefühle und Vorurteile zu überwinden, oft genug im Widerspruch zu ihrer eigenen Gemeinschaft und bieten aller Missbilligung im Familien und Freundeskreis die Stirn. Einige müssen allein mit der Unwegsamkeit fertig werden eine Erziehungsstätte zu erreichen, die nicht in der Nähe ihres Hauses liegt, und jeder für sich persönlich beschäftigt sich immerfort mit der Frage, ob das, was er da tut, wirklich Früchte bringend für das Glück und die Entwicklung seiner eigenen Kinder ist.
Da der Kindergarten nun in seinem vierten Jahr besteht, ist er nicht mehr länger eine Vision sondern eine Realität. Eine Realität, von der wir glauben, dass sie vielleicht wie eine Welle wirken wird, indem immer mehr Menschen unserem Kreis der Hoffnung beitreten. Dies kann uns in eine Zukunft führen, die auf wahrer Freundschaft gebaut ist.
Aber natürlich können wir davon nicht mit Sicherheit ausgehen.
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